In Brandenburg steht eine spürbare Veränderung im Bildungssystem bevor. Ab dem neuen Schulhalbjahr soll in den Klassen 3 bis 10 nur noch eine Klassenarbeit pro Halbjahr geschrieben werden, wodurch die mündliche Mitarbeit deutlich stärker gewichtet wird. Eltern, Lehrkräfte und Fachverbände diskutieren nun die möglichen Folgen dieser Entscheidung.
Inhaltsverzeichnis:
- Sarah Jung und der Unterricht in Teltow
- Kritik von Eltern und Lehrkräften
- Mehrarbeit für Lehrkräfte trotz Entlastungsversprechen
- Bildungsminister Steffen Freiberg hält an der Reform fest
Sarah Jung und der Unterricht in Teltow
Klassenlehrerin Sarah Jung von der Evangelischen Ursula-Wölfel-Grundschule in Teltow zeigt, wie Unterricht künftig aussehen könnte. Mit einem Schuhkarton voller Alltagsgegenstände will sie die Kinder zum Beschreiben und Diskutieren anregen. „Wen nehme ich da dran? Die, die sich nicht melden“, sagt sie, während sie ein schüchternes Mädchen auswählt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie Lehrkräfte versuchen, auch zurückhaltende Kinder stärker einzubeziehen.
- Eine Klassenarbeit pro Halbjahr
- Stärkere Gewichtung der mündlichen Leistung
- Einführung in allen Schulformen ab Klasse 3
Das Ziel der Reform ist laut Bildungsministerium eine Entlastung der Lehrkräfte und eine realistischere Bewertung des Lernfortschritts. Ähnliche Maßnahmen wurden bereits in anderen Bundesländern geprüft. Mehr Hintergründe zu bildungspolitischen Entwicklungen finden Sie auch hier.
Kritik von Eltern und Lehrkräften
Elternvertreter André Tangermann hat eine Online-Petition gestartet, in der er die Entscheidung kritisiert. Seine neunjährige Tochter besucht die Teltower Grundschule, ist kreativ, aber eher ruhig. Er befürchtet, dass introvertierte Kinder durch die neue Regelung benachteiligt werden. In den Klassen 3 und 4 wird die schriftliche Leistung künftig nur noch zu 20 Prozent gewertet, vorher waren es bis zu 40 Prozent. In den Klassen 7 bis 10 sinkt der Anteil von 50 auf 25 Prozent.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Veränderung:
- Eine Schülerin mit Note 1 in schriftlichen Arbeiten und Note 3 in mündlicher Mitarbeit erhielt bisher eine Gesamtnote von 2.
- Nach der neuen Regelung würde sie künftig die Note 3 erhalten.
Mindestens 20.000 Unterschriften will Tangermann sammeln. Unterstützung bekommt er vom Schulleiter Matthias Röhm, der ebenfalls befürchtet, dass stille Kinder benachteiligt werden. Weitere gesellschaftliche Diskussionen rund um Bildung und soziale Auswirkungen finden Sie mehr dazu.
Mehrarbeit für Lehrkräfte trotz Entlastungsversprechen
Röhm leitet eine Schule mit 23 Lehrkräften und etwa 270 Schülerinnen und Schülern. Als private Einrichtung kann sie Vorgaben flexibler umsetzen, doch die Finanzierung bleibt gleich. Er sieht in der Maßnahme eher eine Mehrarbeit als eine Entlastung. Lehrkräfte müssten nun neue Wege finden, stille Kinder zur aktiven Teilnahme zu ermutigen. Dazu zählen:
- Einsatz kreativer Methoden wie Gruppenarbeit oder Lernspiele
- Individuelle Beobachtungsbögen
- Häufigere Gespräche mit Eltern
Das Ministerium betont dagegen, die Maßnahme verringere die Belastung. Vor wenigen Jahren seien in jeder Woche Klassenarbeiten geschrieben worden. Die Reduzierung auf eine Arbeit pro Halbjahr solle den Druck auf Schüler und Lehrkräfte senken. Mehr über den allgemeinen Wandel in Brandenburgs Arbeits- und Bildungssystemen erfahren Sie hier.
Bildungsminister Steffen Freiberg hält an der Reform fest
Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) weist die Kritik zurück. Er vertraut darauf, dass Lehrerinnen und Lehrer „ganz genau wissen, wer zurückhaltend ist, und sehr wohl differenziert darauf eingehen können“. Sein Ministerium sieht in der Umstellung eine logische Weiterentwicklung. Sie soll das Lernverhalten in den Mittelpunkt stellen und gleichzeitig die Qualität der Unterrichtsbewertung verbessern.
Im Unterricht von Sarah Jung zeigt sich, wie solche Veränderungen praktisch aussehen. Das Mädchen in der ersten Reihe fühlt in dem Karton einen Klebestift und beschreibt ihn korrekt. Solche Übungen sollen helfen, Beobachtungs- und Sprachkompetenzen zu fördern, besonders bei Kindern, die sich selten melden.
Die Diskussion um die neue Bewertungsregelung in Brandenburg zeigt, dass jede Veränderung im Schulsystem viele Ebenen betrifft – von Lehrkräften über Eltern bis zu den Kindern selbst. Ob die Reform tatsächlich zur Entlastung führt oder neue Herausforderungen schafft, wird sich im kommenden Schuljahr zeigen.
Quelle: Tagesschau, 24 Edu Info
FAQ
Was ändert sich im Bewertungssystem in Brandenburg?
Ab dem neuen Schulhalbjahr wird in Brandenburg nur noch eine Klassenarbeit pro Halbjahr geschrieben. Die mündliche Mitarbeit zählt künftig stärker in die Gesamtnote ein.
Wie stark wird die schriftliche Leistung jetzt gewichtet?
In den Klassen 3 und 4 fließt die schriftliche Leistung nur noch zu 20 Prozent in die Note ein, in den Klassen 7 bis 10 zu 25 Prozent. Bisher waren es bis zu 40 beziehungsweise 50 Prozent.
Warum führt Brandenburg diese Änderung ein?
Das Bildungsministerium will Lehrkräfte entlasten und gleichzeitig die Bewertung des Lernfortschritts realistischer gestalten. Durch weniger Klassenarbeiten soll der Druck auf Schülerinnen und Schüler sinken.
Welche Kritik äußern Eltern und Lehrkräfte?
Eltern wie André Tangermann befürchten eine Benachteiligung stiller Kinder, die sich im Unterricht weniger beteiligen. Auch Schulleiter Matthias Röhm sieht in der Regelung eher eine Mehrarbeit für Lehrkräfte.
Wie reagiert Bildungsminister Steffen Freiberg auf die Kritik?
Steffen Freiberg weist die Vorwürfe zurück. Er betont, dass Lehrkräfte sehr wohl unterscheiden können, wer zurückhaltend ist, und dass sie Kinder individuell fördern.
Wann wird das neue System eingeführt?
Die neue Regelung gilt ab dem kommenden Schulhalbjahr in allen brandenburgischen Schulen ab Klasse 3.